Du mietest einen VPS, installierst deine Software und bekommst Administratorrechte. Klar nennst du ihn dann „meinen Server“. Die Rechnung gibt dir recht. Der physische Rechner gehört allerdings immer noch jemand anderem. Dieses kleine Detail hat für deine Privatsphäre etwas mehr Bedeutung als das Wort „privat“ im Werbetext.
Ein virtueller privater Server ist ein durch Software nachgebildeter Computer. Er läuft auf einer Maschine, die der Anbieter kontrolliert. Du verwaltest, was innerhalb deiner gemieteten Umgebung passiert. Der Anbieter verwaltet die Technik, die diese Umgebung überhaupt möglich macht. Das sind zwei verschiedene Ebenen der Kontrolle.
Du hast Root. Der Anbieter hat den Rechner.
Root ist das Administratorkonto innerhalb deines Servers. Damit kannst du Programme installieren, Benutzer verwalten und Einstellungen ändern. Die physische Maschine des Anbieters bekommst du damit nicht unter deine Kontrolle. Du hast das Sagen in der Wohnung. Das Haus hast du nicht gekauft.
Bei einem herkömmlichen VPS kann jemand mit ausreichenden Zugriffsrechten auf die Infrastruktur des Anbieters unter Umständen die virtuelle Festplatte kopieren und ihre unverschlüsselten Inhalte ansehen, ohne sich auf deinem Server anzumelden. Dein Serverpasswort spielt dabei keine Rolle. Der Zugriff erfolgt von außerhalb des Systems, das dieses Passwort prüft.
Das gehört zum normalen Handwerkszeug der Administration. Libguestfs bietet zum Beispiel Werkzeuge, um Festplattenabbilder virtueller Maschinen zu untersuchen und zu verändern. Für legitime Wartungsarbeiten ist das nützlich. Es zeigt aber auch den unbequemen Punkt: Zugriff auf den darunterliegenden Speicher ist etwas anderes als der Login, den du kontrollierst.
Viel Vertrauen in ein „Wir schauen doch nicht rein“
Ein Anbieter kann strenge Regeln haben, den Zugriff seiner Mitarbeiter begrenzen und gut überwachen. Das ist alles wichtig. Aber „Unsere Mitarbeiter dürfen deine Dateien nicht lesen“ und „Unsere Systeme verhindern, dass unsere Mitarbeiter deine Dateien lesen“ sind zwei verschiedene Versprechen. Eine beruhigende Datenschutzerklärung macht aus einer lesbaren Festplatte keine unlesbare.
Das Risiko beschränkt sich nicht auf einen neugierigen Mitarbeiter. Wer die Verwaltungssysteme des Anbieters kompromittiert, kann Befugnisse bekommen, die du ihm nie erteilt hast. Du kannst jedes Konto innerhalb deines VPS absichern und trotzdem von der Sicherheit der Konten außerhalb abhängig bleiben.
Dafür braucht es keine Verschwörung. Du vertraust den Menschen, Abläufen und Systemen des Betreibers. Das ist in Ordnung, wenn dir diese Vereinbarung bewusst war. Etwas unbefriedigender ist es, wenn du dachtest, „privat“ bedeute, dass sonst niemand hineinschauen kann.
Dein Schloss. Sein Zweitschlüssel.
Stell dir vor, du mietest einen Lagerraum. Der Raum hat eine solide Tür mit einem ordentlichen Schloss. Du stapelst deine Kisten, schließt ab und gehst mit dem guten Gefühl, alles im Griff zu haben. Der Lagerverwalter hat allerdings einen Zweitschlüssel. Auf Nachfrage erklärt er, dass er den Raum laut Firmenrichtlinie nur mit deiner Erlaubnis betreten darf.
Wie beruhigend. Du wolltest wissen, wer die Tür öffnen kann. Er erklärt dir, wer sie nicht öffnen darf.
Der Verwalter kann vollkommen vertrauenswürdig sein. Davon verschwindet der Zweitschlüssel nicht. Du solltest trotzdem wissen, wer ihn benutzen kann, wie verhindert wird, dass er in die falschen Hände gerät, und ob du überhaupt erfahren würdest, dass jemand damit die Tür geöffnet hat. „Vertrau uns“ ist eine Bitte. Sie hält niemanden draußen.
Die Website läuft. Jemand liest in aller Ruhe die Kopie.
Um Informationen zu kopieren, muss man das Original nicht löschen. Virtualisierungssoftware kann Momentaufnahmen der Festplatte eines laufenden Servers erstellen. Libvirt dokumentiert solche Snapshots als reguläre Funktion. Die Kopie lässt sich anschließend separat untersuchen. Eine funktionierende Website und ein grünes Verfügbarkeitsdiagramm verraten dir nicht, wer ihre Daten gesehen hat.
Das können Kundennachrichten, Rechnungen, Quellcode, unveröffentlichte Arbeiten oder eine Datenbank sein. Auch die Zugangsdaten eines Trading-Bots können dazugehören. Das Problem reicht über Kryptowährungen und die Frage hinaus, wo man ein Passwort ablegt: Jemand anderes kann womöglich in die Umgebung schauen, in der du arbeitest.
Hervorragende Verfügbarkeit. Über Privatsphäre reden wir gesondert.
Was hindert den Betreiber tatsächlich am Mitlesen?
Diese Frage lohnt sich, bevor du einen VPS wie deinen eigenen privaten Rechner behandelst. Hängt der Schutz davon ab, dass sich ein Mitarbeiter an eine Regel hält? Oder gibt es eine technische Hürde, die der Betreiber nicht einfach umgehen kann? Und wer kontrolliert diese Hürde?
Es gibt technische Ansätze, die das nötige Vertrauen in den Betreiber verringern sollen. Confidential Virtual Machines nutzen beispielsweise Schutzfunktionen der Hardware, um laufende Anwendungen von der Hosting-Ebene abzuschirmen. Wie weit dieser Schutz reicht, hängt von der Konfiguration ab – etwa vom Umgang mit Festplatten und Verschlüsselungsschlüsseln. Das Kürzel VPS allein garantiert nichts davon.
Rechenleistung zu mieten ist nützlich. Der Fehler liegt in der Annahme, Administratorrechte gäben dir die alleinige Kontrolle über den Computer eines anderen. Den Rechner betreibt weiterhin der Anbieter. Ob er hineinschauen kann, sollte man klären. Einfach darauf vertrauen reicht nicht.